Observierung Teil 2

Der nördliche Rand des Menschendorfes besteht aus den Rückwänden einiger Holzhäuser, zwischen denen die Menschen ihre Holzpalisade errichtet haben. Auf dieser Seite ist kein Tor zu entdecken, und so schleichen zwei junge Goblins (ein großer, starker und ein kleiner, dürrer) vom nahen Waldrand ungesehen zur Rückwand des ersten Menschenhauses.

Dort bückt sich der Große und späht durch ein kleines Astloch ins Innere.

„Nun sag schon“, drängt der andere ungeduldig, „was siehst du?“

„Ein Weibchen. Sie macht Feuer.“

„Und was noch?“

„Jetzt geht sie weg.“

„Siehst du was, was wir klauen können?“, fragt der Dürre.

„Hmm…“ Der Große hebt den Kopf und sieht den Dürren dumpf an. „Was können wir denn klauen?“

„Na alles, was klein und wertvoll ist“, sagt er genervt. „Waffen, Vorräte, Eisen. Zur Not auch Gold und Schmuck.“

„Ah“, macht der Große, bückt sich und sieht wieder durch das Astloch. „Ne, davon seh‘ ich nichts. Ah warte. Das Menschenweibchen kommt zurück. Sie hat einen großen Topf dabei, den sie auf das Feuer stellt. Ein schöner Topf. Aus Eisen. Den könnten wir klauen.“

„Ein Topf?“ Der Dürre ist überhaupt nicht begeistert. „Und sonst? Ach vergiss es, lass mich selbst gucken. Du hältst solange Wache.“

Sie tauschen die Plätze und der Dürre sieht hinein. „Hm ja, keine Waffen. Aber gute Möbel. Also arm sind sie nicht. Sicher haben sie die Waffen irgendwo versteckt.“

Er macht eine kurze Pause und sieht sich rasch um, bevor er erneut hineinsieht.

„Hm, die Frau kocht irgendwas. Ah, sie bewahrt ihre Gewürze links über dem Herd auf. Die können wir mitnehmen.“

Er macht erneut eine Pause, sieht den Großen grübelnd an und flüstert dann zu ihm: „Wenn die Menschenfrau rausgeht, könnten wir doch sofort ‘reingehen. Also nur wir beide, ohne die anderen. Dann bräuchten wir die Beute nicht zu teilen.“ Er zwinkert vielsagend. „Na was meinst du?“

„Ich weiß nicht.“ Der Große kratzt sich nachdenklich am Kopf. „Das würde ihr bestimmt nicht gefallen.“

„Na und? Sie gehört nicht mal zu unserem Clan. Was kümmert es uns, was aus ihr wird? Denk lieber daran, wie uns unser Clan empfangen wird, wenn wir beide mit reicher Beute zurückkehren.“

Der Große grinst breit. „Sie würden uns empfangen wie die großen Krieger.“

„Nicht wie, als!“, korrigiert der Dürre selbstgefällig. „Denn das sind wir doch: große Krieger, die reiche Beute machen. Du wirst schon sehen!“

Er schaut sich wieder um. „Hm, die Menschenfrau ist noch da drin. Los, gehen wir erst mal zum nächsten Haus und sehen nach, was es dort zu holen gibt.“

Sie huschen an der Holzpalisade zwischen den beiden Häusern vorbei. Diesmal späht der Dürre sofort in das Haus hinein, während der Große ihn gebannt beobachtet.

Ich nutze die günstige Gelegenheit, schleiche mich an die beiden heran und frage unvermittelt: „Na, was siehst du?“

Der Hinterhältige springt erschrocken auf und prallt dabei gegen den Dummkopf, der bei meinem plötzlichen Auftauchen spontan Haltung annimmt.

„Ich, ähm… Ich habe nur die Menschen beobachtet, wie du befohlen hast“, antwortet er schließlich aalglatt. „Die weiblichen sind in ihren Häusern, in diesem hier sind auch zwei kleine Menschen.“ Trotz seiner Worte kann ich eine Schweißperle auf seiner Stirn entdecken. Sehr schön. Aus dem Nichts auftauchen und unvorsichtige Goblins erschrecken macht mir allmählich richtig Spaß.

„Hmm“, mache ich und bücke mich, um selbst hineinzusehen. Der große Dummkopf starrt unterdessen auf meinen Arsch, das kann ich fühlen, während der Hinterhältige einen besorgten Blick auf meinen Hund wirft.

Das Innere der Menschenhütte wirkt sauber und aufgeräumt, und auch wenn nichts wirklich wertvolles herumsteht, versprechen die vielen unverschlossenen Schränke und Truhe reiche Beute.

„In Ordnung“, sage ich und richte mich wieder auf. „Macht hier weiter.“ Ich überleg kurz und sehe dann den Hinterhältigen unverwandt an. „Vielleicht komme ich später noch mal vorbei“, sage ich wage, „ansonsten werde ich mir euern ausführlichen Bericht beim Abendessen anhören. Sonst noch Fragen?“

Die beiden schütteln stumm den Kopf, und so gehe ich die wenigen Schritte bis zum Waldrand und verschwinde rasch im Unterholz. Natürlich habe ich nicht vor, die beiden heute erneut zu besuchen. Aber ich wollte dem Hinterhältigen deutlich machen, dass ich ihn genau beobachte und ihn jederzeit bei einer Dummheit erwischen kann. Und das ist mir gelungen, denke ich.

Zufrieden wandere ich weiter nach Osten und erreiche wenig später die Stelle, von der aus ich gestern über die Wiese geschlichen bin. Doch von den beiden Goblins ist nichts zu sehen.

Ich sehe mich suchend um, als mein Hund auf einmal die Ohren spitzt und wachsam nach Nordosten schaut.

„Hast du etwas gehört?“, frage ich ihn und lausche selbst. Ich kann keinen Laut vernehmen, doch die Hunde haben (angeblich) ein noch besseres Gehör als wir Goblins, also folge ich ihm ein Stück in den Wald hinein. Und wirklich: Jetzt höre auch ich ein merkwürdiges Geräusch, das ein wenig an eine Säge erinnert.

Ich folge diesem Geräusch und stehe plötzlich vor dem Faulen, der gemütlich an einer alten Buche lehnt, ein Nickerchen hält und dabei leise schnarcht.

Ich wecke ihn mit einem gezielten Tritt gegen sein Schienbein.

„Au!“ Erschrocken fährt er hoch und umklammert sein schmerzendes Bein. Dann sieht er mich an, wird kreidebleich und stellt sich mühsam auf seine Füße. „Ich ähm, ich äh“, stottert er mühsam, „ich hab‘ nicht geschlafen.“

„Mehr fällt dir dazu nicht ein?“, schnauze ich ihn an. „Wo ist dein Freund? Dieser … wie hieß er doch gleich?“

„Ähm…“ Er schluckt. „Er wollte sich etwas näher ans Dorf heranschleichen, während ich hier Wache halte.“

„Wache halten?“ Ich explodiere. „So nennst du das also? Du hättest doch nicht mal dann eine vorbeiziehende Trollhorde bemerkt, wenn sie direkt über dich hinweg getrampelt wäre!“

„Aber ich-“

„Schluss jetzt mit den Lügen! Was glaubst du denn, wie ich dich hier gefunden habe? Dein Schnarchen war bis ins Lager zu hören!“

Er schaut verlegen zu Boden und hält intelligenterweise mal für einen Moment die Klappe.

„Los jetzt, wir suchen ihn. Und bete, dass ihn niemand entdeckt hat.“

Er schluckt erneut und läuft dann eilig nach Westen, Richtung Menschendorf. Es ist nicht leicht, der gut verwischten Fährte des Fleißigen zu folgen, aber da wir sein Ziel kennen, finden wir ihn schließlich hoch oben im Wipfel eines besonders großen Baumes nahe des Menschendorfes.

Er entdeckt uns natürlich sofort und will zu uns hinunterklettern, aber ich gebe ihm Handzeichen, dass er oben bleiben soll, und klettere selbst hinauf. Ich bin noch nicht sehr weit gekommen, als ich bemerke, dass der Faule mir nicht folgt.

„He, komm schon!“, rufe ich hinunter.

„Ähm… Ich dachte, ich sollte besser hier unten Wache halten.“

„Damit du weiterschlafen kannst? Von wegen! Du kommst jetzt sofort hier rauf!“

Der Faule schluckt, fügt sich aber und klettert mir mühsam hinterher. Ich weiß genau, warum er unten warten wollte: Er ist einfach zu fett zum Klettern. Aber das ist sein Problem.

Mein Blick fällt auf meinen Hund, der sich am Fuße des Baums hingelegt hat und mir mit großen Augen hinterhersieht. Naja, ich werde ja nicht lange wegbleiben.

Oben angekommen verschaffe ich mir zuerst einen Überblick. Ja, der Fleißige hat sich wirklich den richtigen Baum ausgesucht. Von hier aus kann man kilometerweit in alle Richtungen sehen. Das Menschendorf liegt gut sichtbar vor uns und ich kann jetzt genau erkennen, was sich hinter der Palisade abspielt.

„Hast du schon etwas herausgefunden?“

Der Fleißige nickt eifrig. „Ja. Die Männer scheinen überwiegend auf den Feldern im Süden zu arbeiten, während die Frauen und Kinder im Haus oder nahe am Haus bleiben.“

„Hmm“, mache ich. Im Prinzip ist das eine Bestätigung meiner eigenen Beobachtungen und Vermutungen. Aber helfen tut es mir nicht.

Ich mustere den Fleißigen unauffällig. Irgendwie wirkt er aufgeregt, als hätte er mir noch nicht alles gesagt. „Was noch?“, frage ich ihn beiläufig.

„Früh am Morgen haben sich alle in diesem großen Gebäude im Süden versammelt, in dem mit dem Kreuz auf dem Dach.“ Er deutet darauf. „Da waren sie mindestens eine halbe Stunde lang drin.“

Ein Lächeln huscht über mein Gesicht. „Sehr schön“, lobe ich ihn. „Das hilft uns weiter. Eine halbe Stunde sollte uns reichen.“ Ich überlege. „Beobachte das Dorf weiter. Vielleicht findest du ja noch etwas Nützliches heraus.“ Ich sehe nach unten und entdecke den Faulen einige Meter unter uns auf dem letzten dicken Ast. „Und du hilfst ihm dabei“, ermahne ich ihn.

Der Faule nickt stumm.

Ich verabschiede mich und klettere wieder nach unten, wo mein Hund mich freudig begrüßt und schon wieder an mir hochspringen will. Ich wehre seinen Versuch ab (er ist einfach viel zu schwer für mich!) und streichle ihm stattdessen liebevoll über den Kopf.

„Ja, jetzt bin ich ja wieder da“, flüstere ich ihm ins Ohr. „Und ich mag dich auch viel lieber als diese komische Versagerbande.“

Dann mache ich mich auf, um mit meinem Hund ins Lager zurückzukehren. Morgen werden wir fette Beute machen, das weiß ich ganz sicher. Und dann kann ich endlich wieder zurück nach Hause.

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